Belchite – Antithese zur Schönheit

Es ist ein Teil des Wesen des Menschen, daß er Schönheit und Attraktivität belohnt und Häßliches und Entstelltes mit Verachtung straft. Schon auf zwischenmenschlicher Ebene wird das bemerkbar: Zu einem gutaussehenden Menschen ist man eher freundlich und benimmt sich obendrein anständig, schließlich erhofft man sich Anerkennung in Form eines Kompliments, eines Zwinkers oder gar einer sanften Berührung. Die Anwesenheit von attraktiven Menschen steigert auch die eigene Attraktivität – so glaubt man. In Wahrheit werden die Schönheitsgefälle sichtbarer als sonst. Die etwas zu langen Fingernägel mit den dunklen Rändern können mit den frisch polierten Nägeln des Gegenübers nicht mithalten, nein, sie fallen um so mehr auf, stechen ins Auge, ebenso die durch Koffein verfärbten Zähne, da man das Geld für die letzte Zahnreinigung dann doch lieber anderweitig angelegt hatte. Gegen die schneeweiß glänzenden Beißerchen des Gesprächspartners möchte man einem prophylaktisch einen Kaugummi anbieten. Die leicht fettigen Haare lassen sich noch unter einer Mütze oder Kappe verstecken, aber spätestens bei näherer Inspektion werden auch eine unreine Haut und Pickel sichtbar.
Doch auch im Materiellen belohnt der Mensch das Schöne und ächtet das Häßliche. Gut gemalte Bilder -also schöne Bilder- sind gerne mal ein Vermögen wert, schön geschriebene Bücher werden zu Bestsellern und wer schön singen kann, dem fliegen die Herzen des Publikums zu. Von Vorteil ist natürlich, wenn man schön malen, schreiben und/oder singen kann und dabei auch noch gut aussieht. Man spricht ja nicht umsonst von den Reichen und Schönen.

Ausblick vom Eingangsgebäude aus: Road to Nowhere

Ausblick vom Eingangsgebäude aus: Road to Nowhere

Zu all dem steht das spanische Dorf Belchite wie eine Antithese da. Zwar ist das Dorf nicht reich -ganz im Gegenteil- dennoch machen sich jedes Jahr mehrere Tausende Touristen auf den Weg, um den zerstörten, zerfallenen und zerbombten Ort zu besuchen und für diese abtrünnige Häßlichkeit auch noch Geld zu bezahlen. Eine andächtige Häßlichkeit. Belchite ist ein Produkt des Krieges. An keinem anderen spanischen Ort lassen sich das Grauen und der Schrecken des Bürgerkrieges so ablesen wie in Belchite. Belchite ist häßlich, weil der Krieg an sich häßlich ist. Nun stehen die Trümmer hier, im bräunlichen rot erzählen die Ruinen stumm ihre Geschichte. Doch bevor sie genau das machen, muß man erst durch das neugebaute Belchite hindurch, das passender weise nun Belchite nuevo (neues Belchite) heißt. In dem hügeligen Gebiet sieht eigentlich nicht viel nach Vergangenheit aus. Auf den Hügeln stehen die für Spaniens Landschaften typischen Windräder, gegen die Don Quijote wohl auch gerne mal kämpfen würde. Belchite nuevo unterscheidet sich indes kaum von anderen spanischen Dörfern. Um es herum befindet sich nicht viel, außer Straßen, die aus und ins Dorf führen. Die rund 1500 Einwohner leben dort wie in jedem anderen Dorf in Aragonien, wenn da am Hügel oben nicht das alte Belchite läge, in dessen Feldern ringsum die Bauern ihre Tiere treiben.

Convento de San Rafael

Convento de San Rafael

Bevor man jedoch etwas von der Ruinen- und Trümmerlandschaft zu Gesicht kriegt, muß man eine Führung buchen, denn das wissen auch die Spanier: Ohne Führer gibt’s nichts zu sehen. Tatsächlich ist man ohne gebuchte Führung nicht befugt das Gelände zu betreten. Sechs Euro kostet eine Führung am Tag und zehn Euro zahlt man für eine Nachtführung. Da ich am Tag zugegen war, beschloß ich logischerweise eine Tagesführung zu unternehmen. An einer Hangstraße befindet sich das Touristenbüro, wo man nicht nur die Führung buchen kann, sondern auch erfährt, wann die nächste stattfindet. Am Hügel oben angekommen, sieht man bereits die Überreste von zwei Kirchtürmen: Convento de San Rafael und Iglesia de San Martín de Tours. Vor den Toren des Dorfes stehen genügend Parkplätze zur Verfügung. Nun heißt es warten, bis die Führung beginnt. Dies läßt sich am besten in einem Art Eingangsgebäude, das turmartig auf mehrere Stockwerke verteilt ist. Während die anderen beschäftigt waren, die Dauerausstellung mit Bildern und Lorcazitaten zu begutachten, kümmerte ich mich um einen deutschen Audioguide. In der Tat war ich der einzige Ausländer in dieser Gruppe und man machte mich im ernsten Ton darauf aufmerksam, daß die Führerin viele Dinge erzählen wird, die im Audioguide nicht vorkämen, da ihre Großeltern damals live dabei waren im Bürgerkrieg und sie somit nicht nur einen persönlichen Bezug hat, sondern auch ganz spezielle Informationen. „Ist in Ordnung“ gab ich als Antwort. Mir ging es weniger um Verständnisprobleme, tatsächlich sollte sich später herausstellen, daß ich alles ohne Probleme verstand, ich war lediglich an der Übersetzungsqualität des Guides interessiert. Doch dazu später mehr.

Im Ausstellungsraum fällt der Blick auf das große gläserne Fenster, das einem erste Eindrücke der brutalen Gewalt gibt, die hier gewütet haben muß. Die Hauptstraße zum Dorfzentrum wird links und rechts von Häusern begleitet, deren Dächer komplett und oberen Stockwerke komplett von der Artillerie zerschossen wurden. Ein düsterer Vorbote von dem, was noch kommen sollte. Der Decke des Ausstellungsraumes wurde auch übel mitgespielt, jedoch steht hier in diesem Gebäude das meiste noch.

Die Führerin begrüßte uns recht freundlich und gab mir zu erkennen, daß ich nun Track 01 meines Audioguides zu spielen hatte. Die Führung ist in mehrere Stationen aufgeteilt, für die jeweils ein Track vorgesehen ist. Zuerst marschierten wir in einem Art Halbkreis um die ersten Trümmer herum, die wohl einmal Teil eines Viertels waren. Das läßt sich jedoch nur erahnen, denn von den meisten Gebäuden steht außer den mit der Zeit zerbröselten Mauern nichts mehr. Der Audioguide erzählt mir währenddessen alles von den Anfängen des Dorfes, vom Einfluß des Islams im Mittelalter und viele weitere nützliche und weniger nützliche Fakten. Mich auf diese zu konzentrieren fiel mir stetig schwerer, den der Audioguide klang so, als sei er in einem Take kurz vorm Nachhausegehen aufgenommen worden, mit oft bizarren Betonungen mancher Wörter. Bis zum Dorfzentrum war auch alles synchron, ich konnte der Führung überraschend gut folgen. An das Dorfzentrum selbst erinnert eigentlich nur noch eine größere flache Fläche, die mit einem schwarzen Kreuz aus Eisen dekoriert ist. Der Platz wird von einem Turm, dem Torre del reloj, überwacht, der an der Spitze zerfallen ist.

An diesem Platz erfuhren wir nun mehr über die Schlacht von Belchite selber, die die Wurzel der ganzen Zerstörung ist. Die zwei Wochen vom 24. August bis zum 07. September 1937 waren genug, um fast das komplette Dorf zu zerstören. Um Aragoniens Hauptstadt Saragossa zurückzuerobern, starteten die republikanischen Truppen eine Offensive nach Norden. Während sie die Dörfer Medina und Quinto ohne weitere Probleme einnahmen, entbrannte in Belchite ein erbitterter Häuserkampf, der mit Panzern, Bajonetten und Dynamit geführt wurde. Der Gegenangriff der faschistischen Nationalisten erfolgte mit Artillerie und deutsche, sowie italienische Kampfflugzeuge. Bis zum 06. September war Belchite zerstört, die republikanische Stellung konnte jedoch nicht durchbrochen werden. Ihr Sieg brachte ihnen jedoch wenig: Saragossa konnte nicht eingenommen werden.

Typisches Bild in Belchite: Mauern, aber keine Dächer

Typisches Bild in Belchite: Mauern, aber keine Dächer

Der Weg zur ersten von drei Kirchen ist uneben. In meinen Kopfhörern brummen Flieger und explodieren Bomben, ein Erlebnis, das die anderen so nicht haben. Dann steht auch schon die Iglesia de San Martín de Tours im Süden des Dorfes vor einem. Der Kirchturm steht noch, ebenso das Gemäuer des Kirchenschiffs, doch überall wo einmal Türen und Fenster waren, sind nun große Löcher, auch in der Decke, genau da wo einmal der Altar sich befand. Als ich mich umschaute und durch eines der vielen Löcher auf die umliegende Landschaften blickte, begann die Stimme in meinen Kopfhörern von der Beteiligung der Deutschen an der Bombardierung zu erzählen. Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken und unschuldig blickte ich nach links und rechts.

Auf dem Weg zur zweiten Kirche im Südosten der Stadt, war ich bereits unwissentlich zwei Tracks voraus. Nichts wollte mehr zusammenpassen. Es war mir nicht ganz klar, wo eine neue Station begann, weil die Führerin kontinuierlich redete. Darum zog ich die Konsequenz: Kopfhörer raus. Auf einem franquistischen Mahnmal zum Gedenken der Gefallenen, sowie an mehreren Gebäuden und Brunnen, wurde deutlich, daß der Bürgerkrieg in einem Art Schmierwettbewerb weitergeführt wird: Rechts Hakenkreuze, links Anarchie, dann wieder Hakenkreuze, aber diesmal mit einer anderen Farbe durchgestrichen und den Worten Nunca más (Nie wieder!) ergänzt.Hier fühlte ich mich wieder wie zu Hause, denn das kenne ich auch von Bushäuschen aus der Region.

Letzte Station: San Agustín

Letzte Station: San Agustín

So wandert man weiter, durch eine leere Gegend, die wohl einmal gefüllt von Häusern, Menschen und Leben war. Am Ende der rund zwei stündigen Führung, erreicht man die letzte Kirche, die von der Größe alle anderen überstrahlt. Vor dem Gebäude ist grob ein Platz erkennbar, in dem sich die Einwohner Belchites vielleicht vor dem Gottesdienst versammelt hatten. Auch hier fehlt das Dach komplett, der gut erhaltene Turm ragt jedoch stolz im Norden des Dorfes in den Himmel. Die Touristen schossen noch ein paar Fotos, die sie dann in ihr Familienalbum kleben werden oder in sozialen Netzwerken, mit nachdenklichen Sprüchen versehen, posten. Noch einmal blicke ich über das Trümmerfeld und versuche mir vorzustellen, wie es hier ausgesehen haben könnte, doch es ist unmöglich aus den Ruinen irgendwas Ganzheitliches im Kopf zusammenzubauen.

Es war übrigens Francos Idee, Belchite als Mahnmal so stehen zu lassen und befahl Anfang der 40er Jahre, ein neues Belchite nebenan zu bauen. Von Zwangsarbeitern versteht sich natürlich. Das sieht man dem Dorf jedoch nicht an. Haben gute Arbeit geleistet.

 

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Frauen am Brunnen von Belchite, vor 1937. Der Brunnen war anscheinend von Häusern umgeben.

Keine Frauen am Brunnen von Belchite, 2014. Man beachte das von Neonazis benutze Keltenkreuz am Brunnen.

Keine Frauen am Brunnen von Belchite, 2014. Man beachte das von Neonazis benutze Keltenkreuz am Brunnen.

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