Böhmermanns Jünger

Am Donnerstag kehrte das „Neo Magazin Royale“ aus der Sommerpause zurück und natürlich wurde der neuste musikalische Beitrag wieder tausendfach im Internet geteilt. Der blasse dünne Junge, wie Böhmermann von seinen Fans liebevoll genannt wird, dominiert das Internet und die Medien, allen voran weil er als intelligenter Macher von subversiver Satire gilt, der mit anspruchsvollen Beiträgen in regelmäßigen Abständen Diskussionen und Debatten vom Zaun brechen kann.  Es stellt sich hierbei die Frage, ob die Böhmermannsche Satire wirklich so subversiv ist, wie sie in den Medien abgehandelt wird. War der #verafake wirklich eine gelungene Mediensatire? Böhmermann hat mit seinem Team, das selten Erwähnung findet, mit viel Aufwand bewiesen, was eh jeder wußte. Ähnlich schockierend wäre wohl ein Video gewesen, in dem er Flüchtlingskinder in einen Ausbeuterbetrieb nach Bangladesch geschickt hätte, um dann zu verkünden: Leute, unsere Kleidung wird von Kindern hergestellt! Daß RTL dumm aus der Wäsche guckte und erstmals die Redakteure entließ, die, wie Tim Wolff (Chefredakteur des Faktenblattes TITANIC) richtig erkannte, „nur ihre Arbeit machten“, durch neue Redakteure ersetzt wurden, die dann weiterhin dieselbe Arbeit machen, kann als Erfolg oder Mißerfolg gewertet werden. Ein paar Wochen vorher wurde er inoffiziell zum „Größten Satiriker aller Zeiten“ ernannt, nachdem er Präsident Erdoğan in einem Schmähgedicht so einiges vorgeworfen hat. Nun, daß die Intention der Trennung von erlaubter Satire und verbotener Schmähkritik sehr wichtig und richtig war, läßt sich nicht bestreiten. Man kann und muß dies jedoch auch von der künstlerischen Darbietung des Gedichtes trennen können.

Man kann Böhmermann für all dies kritisieren – dennoch ist seine Arbeit wichtig und seine Sendung hat mehr als eine Existenzberechtigung. Für die Fans jedoch ist er ein Gott: Unfehlbar und der Größte. Seine Sendung eine Art heilige Schrift, die in Gleichnissen spricht und deren Interpretation immer wieder Streitpunkte innerhalb der gläubigen Gemeinde schafft. Die dabei entstehende Eigendynamik läßt manche Anhänger gar zu Fanatikern und Extremisten werden. Jeder, der Böhmermann anders deutet, andere Schlüsse zieht, hat ihn nicht richtig verstanden. Wer die dritte Metaebene nicht von der fünften unterscheiden kann, oder gar ihre Existenz bezweifelt, agiert blasphemisch und muß zumindest virtuell gesteinigt werden. Daß Böhmermann Atheist ist, steht an dieser Stelle erst einmal nicht weiter zur Debatte. Es hat sich eine Fangemeinde gebildet, die das auf Computerequipment gespielte „Jein“ als „kultig“ abstempelt, das Erdoğan Schmähgedicht „ironisch“ nennt und Böhmermann für sämtliche Coups und deren Wirkung, die er angeblich planen könne, „abfeiert“.  Wurde er von vielen Seiten für seine Erdoğan Satire gelobt, so wurde der TITANIC im letzten Monat für ihr Titelbild mit dem türkischen Präsidenten und dem putschenden Penis seitens der Presse „Geschmacklosigkeit“ vorgeworfen. Anscheinend ist für sie Sodomie natürlicher, wie eine in den Schritt kopierte Wurst als Penis. Böhmermanns Satire kommt eben gut an, auch weil sie mehr Leute erreicht wie die TITANIC mit ihren knapp 100.00 Abonnenten. Da muß „Böhmi“ ja besser und intelligenter sein. Und zwar immer, auch wenn er der titanic bescheinigt hat, das „einzige deutsche Humormagazin“ zu sein. Manche Dinge gehen eben Hand in Hand.

Und dann gibt es Leute wie Julian Dörr, der Böhmermann so einiges in seinem Artikel in der SZ vorwirft, wovon das meiste nicht haltbar ist. Dazu gehört seine Aussage, daß die Amerikaner alles besser können und mehr Haltung zeigen. Er solle ein „Zyniker mit Herz“ werden. Auch der Vergleich mit Harald Schmidt ist völlig daneben, denn im Gegensatz zu Schmidt zeigt Böhmermann Haltung. Lediglich war Schmidt ehrlicher im Umgang mit dem Publikum und gab offen und ehrlich zu, daß er für Geld fast alles machen würde. Nun ist Jan Böhmermann mit Olli Schulz zu Spotify gewechselt, um ihre frühere Radiosendung „Sanft & Sorgfältig“ fortzuführen. Den Wechsel kann man ihnen nicht ankreiden, auch nicht, daß sie sich früher abfällig über Spotify geäußert haben. Es ist nur auffällig, daß in jeder Sendung mehrmals erwähnt wird, daß sie nun auf Spotify laufen, fast als wären sie vertraglich dazu verpflichtet worden. Wahrscheinlich meint er’s nur ironisch. Böhmermann könnte auch Werbung für McDonalds machen, die Fans würden Ironie und Metaebenen finden, behaupten, wie geil er den Konzern für seine Satirezwecke ausnutzt. So ist er halt, der blasse dünne Junge.

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