Das Besondere am Normalen

Wenn ich in den letzten Jahren etwas gelernt habe, dann daß das höchste Gut, das der Mensch anstreben kann und sogar soll, weder der Kommunismus, wie viele erwartet hätten, noch eine bestimmte Religion ist, sondern das Besonders sein. Alle paar Jahre scheint dieser Pseudoindividualismusgedanke, verstärkt durch Medien und Testimonials, um sich zu greifen und viele Heranwachsende bis ins Erwachsenenalter zu packen.

Doch was ist so besonders an besonders? Nun es kann benutzt werden, um sowohl einen Sachverhalt positiv oder negativ zu verstärken. Wer hat nicht schon einmal ein „Oh, heute riechst du aber besonders gut“ gehört oder ein giftiges „Heute siehst du besonders scheiße aus“. Die ambivalente Verwendung des Adverbs beschreibt auch meine Beziehung zu demselben. Nutzt man es nämlich als Adjektiv, so erweckt es den trügerischen Anschein, als sei es als etwas durchaus positives zu verstehen, dabei handelt es sich um einen Wolf im Schafspelz. Wir wollen etwas Besonderes sein, wollen uns von der Masse mit ihrer über Jahrhunderte langen immer wieder modifizierten Normen- und Wertegesellschaft abheben. Ein Gedanke, dem ich gleichzeitig zustimmen und ablehnen muß. Zustimmen dann, wenn es um Minderheiten und Randgruppen geht, die als etwas Besonderes im negativen Sinn gehalten werden, deren Platz im Kanon der „normalen Mitte“ jedoch sicher sein sollte. Ablehnen, wenn Leute sich im privilegierten Zustand des Normalen befinden und aus einer toxischen, wie für die Mitmenschen nervigen Mischung aus Geltungssucht und Orientierungslosigkeit glauben, sich als etwas Besonderes von abheben und abgrenzen müssen. Der Unterschied zwischen den beiden Formen ist: Erstere werden zu etwas Besonderem gemacht, zweiter machen sich selbst Besonders.

Wer sich ernsthaft die Frage stellt: Wer will denn schon normal sein? hat eindeutig nen Sprung in der Schüssel und hat sich mit wirklichen Problemen noch nie auseinandergesetzt. Oder macht sich selbst etwas vor. Jeder hat mindestens einen Freund oder Freundin, die sich mit Mitte bzw. Ende 20 noch im unschuldigen Jungfrauenalter befinden und es kein anderes Thema mehr gibt, als die Frage, warum sich den keiner dieser armen Menschen erbarmen möchte? Vielleicht liegt es ja an den schiefen, zum Teil ausgefallenen Zähnen, den bestialischen Mund- und Körpergeruch, den schielenden Augen, fettigen Haaren, der massiven Adipositas oder den langen Ohrenhaaren. Doch will man als einfacher Freund einem die Wahrheit zumuten? Natürlich nicht und man beschränkt die Antwort auf einen kleinen Lichtblick, auf eine kleine Hoffnung: „Für dich kommt schon noch der oder die Richtige. Du bist eben etwas Besonders.“ Und dem ist nichts hinzuzufügen.

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