Eine Kulturtasche namens Spanien

Hört man das Wort »Spanien«, so kommen einem bestimmte Bilder in den Kopf und Gerüche in die Nase. Man sieht spanisches Essen vor sich, das sich bei vielen auf Paella und Tortilla beschränkt und als Deutscher hat man natürlich die Städte Barcelona, Madrid und Guernica kennen und lieben gelernt. Wer könnte den letzten Urlaub dort auch vergessen? Während für die einen Spanien einen klassischen Pauschalurlaub mit viel Alkohol, der in Form von Sangria nahezu klinisch eingeflößt wird, bedeutet, sehen andere in Spanien ein Kulturparadies mit wunderschönen Landschaften und herrlicher Architektur, die man bei Spaziergängen durch die nach franquistischen Generälen oder dem Generalissimo höchstpersönlich benannten Straßen und Plätzen erblicken kann. Verschiedener könnten die Touristen kaum sein, jedoch teilen sie ein Schicksal. Egal ob Reaggeton tanzender Partytourist oder Goya liebender Kulturfetischist: Beide sehen Spanien in den Augen von erhoffter Erfüllung von Stereotypen.

Man kennt das natürlich auch aus Deutschland: Wenn man in einem Gast- oder Wirtshaus ein Bier oder eine Bratwurst bestellt und Touristen zufälligerweise beobachten wie man nun beides verzehrt, dann beginnen die Augen zu leuchten, denn nun sieht man endlich das, wonach man solange gesucht hat: Den typischen Deutschen. Dabei werden natürlich Kleinigkeiten übersehen, die die fremde Kultur jedoch um so interessanter machen würde, denn Kultur ist primär die Reduktion aufs Banale. Interessant wäre zu wissen, ob den europäischen Spanientouristen zum Beispiel auffällt, daß auf den Preisschildern in manchen Supermärkten neben dem Europreis auch der Preis in Peseten angegeben ist. Dabei sei bemerkt, daß 100 Peseten knapp 60 Cent sind und der Umtausch der alten Währung bis 2020 möglich ist. Auf die Frage, warum nach 14 Jahren Euro man auf Peseten nicht verzichten kann, konnte mir keiner eine zufriedenstellende Antwort geben. Vielleicht wollte man den älteren Bürgern den Umstieg erleichtern. Damit ließen sich auch die franquistischen Straßennamen erklären: Nach 40 Jahren Transición will man den Spaniern nicht zu viel Veränderung auf einmal zumuten. Diese Lahmarschigkeit hätte es unter Franco sicher nicht gegeben.

Eine Veränderung kann auch die heilige Jungfrau Pilar in Saragossa erfahren, wenn sie denn nur möchte. Sie gilt als eine der wichtigsten Heiligen in Spanien und ist von sehr großem religiösem Wert, vor allem in Saragossa, dessen Basilika der Jungfrau gewidmet ist. Es war jedoch auch in dieser Stadt, in der ich einen Sex-Shop entdeckt habe, der den Namen »Entjungferung der Pilar« trägt. Wo schon viele Gläubige gescheitert sind, soll dieses Geschäft wohl Abhilfe leisten. Auch läßt sich so einiges über das spanische TV-Programm sagen. Besonders beliebt scheinen Talk- und Datingsendungen zu sein, wie sie in Deutschland Anfang der 2000er Jahre sehr populär waren, wie »Britt«, »Geissen« oder eine RTL-Version von »Herzblatt«. Was zwar landläufig als »Telebasura«, also Telemüll, bezeichnet wird, scheint sich dennoch großer Popularität zu erfreuen. Gerne werden diese Programme zur spanischen Mittagszeit gesendet, die mit der Siesta zusammenfällt, so daß viele von der Arbeit zu Hause sind um sich etwas zu entspannen, und dabei zu erfahren, daß Juan María geküßt hat, obwohl er laut dem Sendekonzept um die Gunst von Jara werben sollte. Unterhaltsam wird es aber erst, wenn das Studiopublikum die Chance bekommt, den meist prolligen und zu stark gebräunten Kandidaten Tips zu geben oder sie einfach nur für ihre Schandtaten zu tadeln. Unter Tränen werden Geständnisse erzwungen, Herzen gebrochen und das mehrmals pro Sendung.

Bei einer täglichen Dosis dieser Dramatik ist es wenig verwunderlich, daß auch die politische Bühne Spaniens von ähnlichen Darstellern bespielt wird. Es gibt den alten Sturen (Mariano Rajoy), den liebenswürdigen Onkel (Pedro Sánchez), den rebellierenden und neunmalklugen Teenager (Pablo Iglesias) und den sich anbiedernden Mädchenschwarm (Albert Rivera). Aber entschuldigen Sie mich jetzt, ich muß die erste Folge der neuen Telenovela fertigschreiben, bevor mir das Konzept von bösgesinnten TV-Produzenten geklaut wird. Alsdann, volveré en una semana.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *