Harald Schmidt und/oder Jan Böhmermann?

In einer Ausgabe von Sanft und Sorgfältig erzählte Jan Böhmermann, wie er seinen alten Arbeitgeber Harald Schmidt beim Doktor zufällig traf. Man schwieg sich zuerst an, wechselte aber dann doch ein paar Worte. Es unterhielten sich der Mann, der Late-Night als Fernsehformat erfolgreich in Deutschland etablierte und der Mann, der versucht sie zu revolutionieren bzw. wieder zu amerikanisieren.

Böhmermann erklärt Schmidt das Internet.

Böhmermann erklärt Schmidt das Internet.

Daß Böhmermann Schmidt verehrt, ist unschwer zu erkennen: Ihr spricht zwar nicht viel und oft über seinen „Mentor“, aber wenn, dann nur in den höchsten Tönen. Da Schmidt in den Medien fast nicht mehr stattfindet, ist es schwer zu sagen, was er von Böhmermann hält. In einem TV-Interview von 2015 ließ er aber anklingen, daß ihn das NeoMagazin eher wenig interessiert. Es ist auch nicht schwer zu verstehen warum: Das letzte Mal, daß sich Schmidt mit einem „jungen Wilden“ eingelassen hatte, war 2007 mit Oliver Pocher, mit dem er zusammen Schmidt & Pocher moderierte. Eine lästige Erfahrung für den mittlerweile 59-jährigen.

Auch wenn Böhmermann um einiges klüger agiert als Pocher: An Harald Schmidt käme er nicht ran, falls er es denn ernsthaft versuchte. Und es scheint, als wüßte das Böhmermann nur allzugut, denn er hat von Beginn an versucht das Format Late-Night zu entstauben, ihm neues Leben einzuhauchen und es mehr dem amerikanischen Standard anzupassen.

Wo wir wieder bei Schmidt wären: In den ersten Jahren war die Harald Schmidt Show eine exakte Kopie von der Late Show with David Letterman: Vom körnigen amerikanischen Fernsehbild, der Gesten bis zur Tasse auf dem Schreibtisch. Schmidt spielte Letterman. Erst in den späten 90er Jahren bzw. frühen 00er Jahren als Manuel Andrack schließlich als Sidekick dazukam, begann Schmidt zu brillieren und die Harald Schmidt Show bekam ihren eigenen Stil. Wichtig dabei: Schmidt kommentierte das Tagesgeschehen und erklärte die Welt mit Sarkasmus und gelegentlichen Zynismus und sprach dabei die gesamtdeutsche Gesellschaft an – vom jungen PDS-Wähler bis zum alteingesessenen konservativ-wirtschaftsliberalen CDU-Wähler.

Diese gesamtdeutsche Relevanz fehlt Böhmermann, denn im Gegensatz zu Schmidt bewegt sich der 35-jährige Veggesacker mehr im Bereich der Satire und ist dabei stets Moralapostel, der sich oft für Meinungen von seinem Publikum beklatschen läßt, die diese nicht zur Diskussion stellen. Dies hat zur Folge, daß er und die Zuschauer Teil des politischen Diskurs werden, über den sich Schmidt lustig gemacht hatte. Genau das macht Böhmermanns Stil so amerikanisch, denn dort gibt es, bis auf wenige Ausnahmen, keine Late-Night Sendung, die sich nicht politisch positioniert. Eine Selbstreflexion seitens des Zuschauers findet nicht statt. Das kann man nun gut oder schlecht finden, eine Existenzberichtung ist auf jeden Fall vorhanden. Dennoch fehlt jemand wie Schmidt, der lediglich kommentiert und den Diskurs der Lächerlichkeit preisgibt, sowie dem Zuschauer vorm Schlafengehen zeigt, daß egal wieviel Scheiße an einem Tag passiert, es doch mehr zu lachen, als zu heulen gibt. Oder um es mit weniger blumigen Worten zu sagen: Schmidt fehlt, weil Böhmermann den Rest schon macht.

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