Ich kann mich an die 90er nicht mehr erinnern

»Egal, was für einen coolen DJ man bei einer Party organisiert hat – am Ende wollen ja doch alle zu 90er-Trash tanzen.« Die 90er Jahre sind zurück – zumindest gefühlt. Auf Plakaten werden selbst in den entlegensten Dörfern 90s Partys angepriesen. Für viele bedeutet das nämlich in Erinnerung schwelgen. »Weißt du noch damals, als wir die Bravo mit Take That auf dem Cover gekauft haben? Und als unser Tamagotchi verhungert ist? Das war ja so traurig! Damals, als Viva unser bester Freund wurde? Ich fand Blümchen damals so toll, oh gott, heute ist mir das ein bißchen peinlich!« Erinnerungen und Nostalgie sind was tolles, bis man bemerkt, daß man Mitte der 90er geboren wurde.

Ich, Jahrgang 1994, hab wenige bis keine Erinnerungen an das vorletzte Jahrzehnt. Das meiste kenn ich nur von Bildern oder vom Hörensagen. Zu den wenigen Erinnerungen gehört die Geburt meines Bruders (1997), einen Fahrradunfall und die totale Sonnenfinsternis im August 1999. Meine Eltern hatten mir erklärt, daß es am hellichten Tag Nacht würde und ich unter keinen Umständen in die Sonne schauen dürfte, wegen Erblindungsgefahr. Ich hatte da etwas falsch verstanden und bekam allergrößte Panik, denn ich dachte, wir würden alle erblinden. Hätte ich diese Erinnerungen nicht, wäre ich mir nicht einmal sicher, ob ich in den 90ern überhaupt gelebt habe, gäbe es nicht Bilder von mir aus dieser Zeit. Von meinen Eltern ließ ich mir so einiges erzählen, wie ich in den 90ern so drauf war: Ich fand die Stereoanlage wahnsinnig spannend, die ich schon mit zwei Jahren bedienen konnte. Auch Fernsehen war ein wichtiger Bestandteil meiner Kindheit in den 90ern. Kann ich mich an irgendwas erinnern? Daß ich »Bumpety Boo« als Kind geliebt hatte? Nein, meine Eltern hätten mir auch erzählen können, ich hätte mit Nazi-Barbies in Kens Führerhauptquartier gespielt und ich müßte es ihnen wohl glauben.

Und dann war da ja noch die Musik in den 90ern. Der eklige Trend der 80er Jahre, nämlich daß Popmusik ausschließlich dieselbe Samplingsoftware benutzt, wurde in den 90ern weitergeführt. In den letzten Jahren hat sich zudem ein neuer Trend manifestiert: Das ironische Musikhören. Whigfield, Blümchen, Spice Girls. Man kennt die Musik und findet sie eigentlich nicht so toll, weil es ja peinlich wäre, zuzugeben, daß man die Spice Girls mag, also hört man sie ironisch. Der Vorteil von Streamingplattformen ist, daß einem dieses peinliche Gespräch mit dem Plattenverkäufer erspart bleibt, wenn man die Single zu OMCs „How Bizarre“ kaufen möchte. »So so, sie gehören also auch zu diesen Leuten, die diese abscheuliche Musik aus dem Formatradio kaufen« muß man sich vorwurfsvoll anblicken lassen. Dabei verdient er doch mit dieser Musik am meisten, der Arsch. Doch wer ironisch Musik hört, der könnte auch mal ironisch essen. Einfach Essen essen, daß einem eigentlich nicht schmeckt, oder auf das man sogar allergisch ist, aber das Uneigentliche ist ja oft spannender als das Eigentliche.

»Die Kinder von heute kennen ja nicht mal mehr Kassetten« hör ich die Millenials schimpfen. »Ich weiß ja noch wie die Zeit vor dem Internet war« brüsten sie sich. Ja, in der Tat, an diese Zeit kann ich mich auch noch erinnern. Bei mir z‘haus bekamen wir DSL erst im Jahr 2007 und all die Jahre davor ohne Internet wünschte ich mir nichts sehnlicher als das Internet. Zurückgehen möchte ich auf keinen Fall in die Zeit vorm 11. September, vor Jamba Klingeltönen und Dragostea Din Tei. Aber davon ein andermal mehr. Bis nächste Woche!

 

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