Meine Zeit in der RAF

Was ich Ihnen nun offenbare, werden Sie mir nicht glauben. Sie werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mich einen Lügner bezeichnen, vielleicht sogar eine »linke Zecke« schimpfen. Ich kann es Ihnen nicht verübeln, aber ich schwöre, daß ich die Wahrheit sage und sich alles genauso ereignete. Seit Jahren trage ich dieses Geheimnis mit mir herum, aber die Zeit ist nun gekommen, Licht in das Dunkel der Geschichte der »Bonner Republik« zu bringen. Meine Wenigkeit war nämlich dabei, als die RAF gegründet wurde. Ich kann Ihren Augen und Gesichtsausdruck entnehmen, daß sie das überrascht. Sie können ihre Münder jedoch wieder schließen. Unsere damalige Jugendbande wird oft mit zwei gleichnamigen Organisationen verwechselt: Weder war ich Gründungsmitglied der »Royal Air Force«, noch der deutschen Terrororganisation. Ich sehe, Sie atmen auf. Vielmehr gründete ich mit ein paar Freunden eine Jugendbande, die zufälligerweise die „Rote Arme Fraktion“ hieß. Woher rührt der ungewöhnliche Name?

Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer. Schwül warme Luft zog durch das Land und auch an uns Jungs vorbei. Wir waren jung und abenteuerlustig. In diesem Sommer sollten wir zum ersten Mal die Freiheit spüren. Nach der Schule ließ sich die Hitze am besten im Schwimmbad bekämpfen. Jeden sonnigen Tag trafen wir uns dort und beschlossen, die Rabauken, die wir waren, unser ganzes Geld für ungesundes Cola und noch ungesündere Pommes auszugeben. Wenn das die Eltern gewußt hätten. Zum Eincremen der Hand mit der Sonnencreme aus der Spritzflasche war natürlich keine Zeit, zudem empfanden wir es als uncool, wenn sich eine Gruppe cooler Jungs gegenseitig den Rücken mit Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 35 eincremt.

So kam es, daß beim Fußballspielen auf dem Fußballplatz neben an, wir zwar durch unsere Trikots weitestgehend geschützt waren, jedoch blieb an den beiden Armen genügend Haut frei, auf die die Sonne brennen konnte, wie auf die Häupter unserer Urgroßväter in El Alamein. Die Haut wurde nicht elegant braun, wie man sich das so denkt und wünscht, sondern krebsrot und tat höllisch weh. Als wir so im Kreise zusammenstanden, schauten wir einander auf die sonnenverbrannte Haut und nickten uns wissend an: Dies war die Geburtsstunde etwas Neuem, etwas Großem. Es war die Geburtsstunde der RAF, der »Roten Arme Fraktion«. Ab diesem Sommer ließen wir uns Jahr für Jahr unsere kostbare, jugendliche Haut von der Sonne verbrennen, um die gefährlichste Jugendbande der Umgebung würdevoll zu repräsentieren. Sieben Sommer lang ging das hervorragend gut; wir waren gefürchtet, den Fußballplatz konnte uns keiner nehmen. Doch alles hat einmal ein Ende, so auch die RAF. Mein Freund Arne mußte ins Krankenhaus. Diagnose: Hautkrebs. Die RAF hat das nicht überlebt, ebensowenig Arne. Von da an beschloßen wir, das mit den roten Armen sein zu lassen. Das Risiko, so zu enden wie unser lieber Freund, mit Chemotherapie und Hautverpflanzung, nein, das wollten wir um Himmels Willen nicht eingehen. Wir stiegen statt dessen aufs Rauchen um.

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