Tausend Jahre sind ein Tag

Um kurz nach Mittag muß es gewesen sein: Aufgrund des Hochwassers wurde der Katastrophenalarm in meinem Heimatlandkreis ausgerufen. Ich war nicht zugegen, hab demnach das schlimmste nicht mitgekriegt, habe es jedoch über das Internet verfolgt. Wenn sein Heimatort absäuft, will man schließlich live dabei sein.

Ganz so schlimm, wie zuerst angenommen, war es bei mir zu Hause schlußendlich nicht, aber in Simbach/Inn und Triftern stand das Wasser meterhoch. Die Zerstörung war immens, Menschen standen vor den Trümmern ihrer Existenz, ein bißchen Syrien an der deutsch-österreichischen Grenze. »Ausgerechnet Simbach« schoß es mir durch den Kopf. Noch vor neun Monaten war die Stadt gespalten zwischen denen, die sich für die Flüchtlinge, die tagtäglich über die Grenze kamen, einsetzten und denen, die mit rassistischen Vorurteilen gegen die Flüchtlinge und die Flüchtlingspolitik hetzten. Letztere wissen nun, vor welchen Zuständen diese Menschen geflohen sind.

Wo innerländlich Katastrophen sind, sind die Medien nicht weit. Am ersten Tag des Hochwassers war Triftern noch im Fokus der Medien. Ein kleines Dorf wurde fast vollständig überschwemmt, Schüler konnten die Schule nicht mehr verlassen, hätten vielleicht sogar eine Nacht in der Turnhalle verbringen müssen. Auf gut Deutsch heißt das: Weinende Kinder geben ein schönes Bild ab. Das wollen die Leute sehen, das läßt sich gut verkaufen. Einen Tag später sah das Bild anders aus: Das am Vortag noch weniger beachtete Simbach/Inn wurde plötzlich über Nacht zum Mittelpunkt der Hochwassertragödie. Grund: Es gab Tote und Vermißte. Die Medienleute klatschten vor Freude in die Hände. »Endlich Tote« frohlockten sie und schickten gleich mehrere Reporter und Kamerateams ins Katastrophengebiet. Zwei tagelang ging die mediale Heuchelei vor sich hin, wurde Interesse und Anteilnahme bei den Betroffenen geheuchelt, bis die Polizei verkündete, daß es keine Vermißten mehr gäbe. Die Enttäuschung war groß, da es nichts mehr zu berichten gab. Aufräumarbeiten und Bilder von zerstörten Häusern sind ohne menschliches Leid nur halb so wertvoll. Doch schon bald konnten die Medienmenschen aufatmen: In anderen Landkreisen schwollen ebenfalls kleine Bäche zu reißenden Fluten an, die für viel Zerstörung und Leid sorgen würden. Mit etwas Glück sind sogar Tote dabei.

Während die einen versuchten Leid, Trauer und Verzweiflung vor die Kamera zu bringen, titelten andere schon »Die Jahrtausendflut«. Wie hat man sich das vorzustellen, eine Jahrtausendflut? Etwa eine Flut, die tausend Jahre anhält, ähnlich wie Hitlers tausendjähriges Reich? Oder eine Flut, deren Ausmaß an Zerstörung und Gewaltigkeit einmalig in tausend Jahren ist? Sollte es letzteres sein, halte ich es für etwas gewagt, im siebzehnten Jahr des noch sehr jungen Jahrtausends solche Behauptungen aufzustellen. In den kommenden 984 Jahren kann noch sehr viel passieren, vor allem was Umweltkatastrophen betrifft. Allein in diesem Jahrhundert erlebte Deutschland schon zwei »Jahrhunderthochwasser«, beziehungsweise »Jahrhunderthochwässer«.

Simbachs Bürgermeister Klaus Schmid hat übrigens ganz brav angekündigt ein »neues« und  »schöneres« Simbach wiederaufzubauen. Dies setzt natürlich voraus, daß die Stadt vorher schon schön gewesen wäre.

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