Valle de los Caídos: Gedenkstätte für einen Diktator

„Cruce Cuelgamuros?“ wiederholte der Busfahrer ungläubig. „Was wollt ihr da? Dort gibt’s ja nix!“ lachte er. Als meine Freundin und ich ihm klarmachten, daß wir zum Valle de los Caídos wollten, runzelte er nur die Stirn und gab ein vorwurfvolles „Ihr wißt schon, daß ihr sechs Kilometer den Berg hochmüßt?“ von sich. Ja, das wußten wir, doch es blieb uns nichts anderes übrig. Das auf 910 Meter liegende Mausoleum, das die Grabstätten von Francisco Franco und dem Gründer der faschistischen Falange José Antonio Primo de Rivera beinhaltet, ist mit öffentlichen Verkehrsmittel nur schwer zu erreichen. Lediglich eine Buslinie fährt vom nahegelegenden Ort El Escorial den Berg hoch, aber in nur einem zeitlich stark eingeschränkten Rahmen. Dennoch besuchten 2016 über 250 000 Touristen das Monument, das wie kein anderes für die Gegenwärtigkeit des Franquismus in Spanien steht.

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Eingangstor am Cruce Cuelgamuros.

Als wir am Cruce Cuelgamuros ankamen und das Eingangstor passierten, sah uns der Pförtner verwirrt an uns sagte, in einem nur allzu bekannten Tonfall: Ihr wißt schon, daß es sechs Kilometer bis oben sind. Wir bejahten freundlich, doch der ältere Mann, der die Preisliste in einer Monotonie vortrug, die man sonst nur von der Mailboxstimme kennt, blickte uns mitleidig an, bat uns zur Seite und fragte bei den nächsten Besuchern an, ob sie uns mitnehmen könnten. Tatsächlich war dies meine insgeheime Hoffnung, die meine Freundin jeodch zuvor zerschlagen hatte, da es in Spanien Privatpersonen verboten ist, Fremde mitzunehmen. Ein junges Paar in einem weißen Kia erklärte sich freundlicherweise bereit und so waren wir keine fünf Minuten später oben. Wir bedankten uns und vom Parkplatz aus stoch einem zuerst das große Betonkreuz ins Auge, das thronend über das Tal blickte. Mit seinen 150 Metern ist es das höchste freistehnde Kreuz der Welt.

Ausblick vom Basilikavorplatz

Ausblick vom Basilikavorplatz

Mit nur wenigen Schritten erreicht man einen kleinen Platz aus weißem Stein, der sich vor der Basilika erstreckt und gleichzeitig als Aussichtsplattform dient. Von dort kann man in das bewaldetete Guadarramagebirge blicken, das das komplette 13,6 km2 große Monumentsgelände umgibt. Wer das Gelände nur von Bildern kennt, wird von der  wirklichen Größe enttäuscht werden, denn tatsächlich sind es vom Eingang der Basilika bis zum Ende des Platzes nur 150 Meter. Das Kreuz und die Basilika, mit ihren langen Flügeln sehen beeindruckend aus, doch man darf nicht vergessen, daß es sich bei diesem gigantischen Monument um eines der umstrittensten spanischen Touristenattraktionen handelt. Und schon in diesem Satz steckt das erste Problem: Was ist das Valle de los Caídos (zu deutsch: Tal der Gefallenen) eigentlich?

Franquistische Symboliken an den beiden Flügeln.

Franquistische Symboliken an den beiden Flügeln.

Primär eine Gedenkstätte an die Gefallenen des spanischen Bürgerkriegs, erbaut unter Franco in der ersten Hälfte seiner knapp 40-jährigen Diktatur. Bei der Errichtung der Basilika wurden 20 000 republikanische Zwangsarbeiter eingesetzt, denen eine Haftverkürzung in Aussicht gestellt wurde. Die Gebeine von über 30 000 Soldaten, die meisten davon Faschisten, sollen in den Schreinen begraben sein. Das tunnelartige Gotteshaus ist die längste Kirche der Welt ( 263 Meter) und wurde 1960 von Papst Johannes XXIII. zur Basilika erhoben. Auf der anderen Seite des Berges befindt sich ein Kloster des Benediktinerordens, die auch täglich Gottesdienste in der Basilika abhält. Damit ist das Valle de los Caídos eigentlich eine religiöse Stätte. Eigentlich. Doch ein erzkonservativer Katholizismus ist neben faschistischen Elementen die Grundlage des Franquismus und damit wird die Gedenkstätte zum Politikum. Bis 2007 waren alljährlich Aufmärsche der Rechten zum 20. November zu erwarten, mit Francos Tochter als Ehrengast, bis politische Aktionen am Valle de los Caídos von der sozialdemokratischen Regierung verboten wurden. Bis zum heutigen Tag wird das Mausoleum kontrovers diskutiert: Erst im Sommer wurde im spanischen Kongress beschlossen, das Grab Francos zu entfernen, doch die Umbettung kann noch Jahre dauern. Ideen für die Umwandlung des Valle de los Caídos in ein Dokumentationszentrum über den Franquismus wurden abgewiesen.

Beim Betreten der Basilika wurde erstmal unser Gepäck durchleuchtet und ein Sicherheitsbeamter kontrollierte uns. Wir wurden darauf hingewiesen, das es strikt verboten ist, Fotos zu machen. Im Tunnel, der sich Basilika nennt, sind verschiedene Fresken zu sehen, jedoch war es so dunkel, dass man nur mit Mühe etwas erkennen konnte. Am Ende des Tunnels weitet sich die Basilika nach links und rechts aus, im Zentrum steht ein Altar mit einem Holzkreuz. Bevor man um den runden Altar geht, um das beeindruckende goldene Deckenfresko zu bestaunen, liegt unspektakulär eine, mit einem lieblosen Blumenstrauß dekorierte, Steinplatte mit der Aufschrift „José Antonio“ vor dem Altar. Genau gegenüber, auf der anderen Seite des Altars, befindet sich dasselbe mit der Aufschrift „Francisco Franco“. Bei der täglichen Messe des Benediktinerordens wird die Eucharistiefeier genau über dieser Grabplatte abgehalten. In dunklen Kutten gekleidete Mönche wachen behutsam in dem Altarbereich und immer wieder ertönt ein strenges „No fotos!“. Neben mir gingen drei ältere Herrschaften auf die Knie und ließen sich von einem der Mönche segnen. Es sind also nicht nur Touristen, die diesen makabaren Ort besuchen, sondern auch Gläubige, deren Verwandte vielleicht hier begesetzt sind, oder natürlich auch Franco-Anhänger, die sich hier ungestört der Nostalgie hingeben können, unter dem Schutz des Kreuzes und ihres Caudillos.

Schöne Aussichten beim Weg zurück.

Schöne Aussichten beim Weg zurück.

Den Weg zurück mußten wir dann tatsächlich zu Fuß bestreiten. Auch wenn die Sonne unabläßlich auf unsere Körper brannte, war es eine schöne Erfahrung, in der wir die Natur rund um das Monument bewundern konnten. Gleichzeitig waren wir froh, die sechs Kilometer nur einmal bestreiten zu müssen. Die Anstrengung war es allemal wert, wenngleich es auch vollkommen ausreicht, das Valle de los Caídos einmal zu besichtigen. So viel gibt es dann dort auch nicht zu sehen.

 

 

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Anreise

Bus Auto
Von Moncloa/Madrid:
Linie 664 bis Cruce Cuelgamuros (4,20 Euro einfach), zu Fuß hoch
AP-6 (Autobahn), Ausfahrt 47 auf M-600 (El Escorial, Guadarrama)
Von Moncloa/Madrid:
Linie 664 oder 661 bis El Escorial, von El Escorial bis Valle de los Caídos (von 15:15 bis 17:30 Uhr)

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