Nachspielzeit

von am 29.06.2026

Ein Kommentar von Andrea Schon 

 

Nach dem Schlusspfiff beginnt für viele Frauen die eigentliche Nachspielzeit. Über die Schattenseite großer Fußballturniere und warum (immer noch) darüber gesprochen werden muss.

Nach sieben Minuten ist die Nachspielzeit am gestrigen Abend vorbei, und die deutsche Nationalmannschaft verliert mit 1:2 gegen mutig aufspielende Ecuadorianer. Diese sieben Minuten bilden jedoch nur die sportliche Nachspielzeit. Für viele Frauen dauert die tatsächliche Nachspielzeit vermutlich länger.

Die Gewalt gegen Frauen ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Seit 2025 kann offiziell davon gesprochen werden, dass nicht mehr „jeden dritten“, sondern „jeden zweiten“ Tag eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird. Empörung oder politischer Handlungsdruck wird durch diese Verschlimmerung der Problematik aber kaum ausgelöst. Dass partnerschaftliche Gewalt nach Fußballspielen ansteigt, wird zu großen Turnieren zwar erwähnt, führt aber selten zu großen gesellschaftlichen Diskussionen. Man will sich den Spaß am Fußball nicht verderben und weiterhin sagen können: Fußball bringt Menschen zusammen.

Ob der Fußball wirklich alle Menschen zusammenbringt, darf allerdings angezweifelt werden.Besonders Frauen in heterosexuellen Beziehungen leiden unter großen Fußballturnieren. Eine Studie der Lancaster University aus dem Jahr 2014 zeigt, dass partnerschaftliche Gewalt von Männern gegen Frauen um 26% ansteigt, wenn das eigene Team gewinnt, und um 38%, wenn es verliert.

2021 ergab eine Untersuchung der London School of Economics (LSE), dass Gewalt gegen Frauen während eines Fußballspiels zwar abnimmt, aber in den ersten vier Stunden nach dem Spiel in jeder Stunde um 5% ansteigt. Zehn bis zwölf Stunden nach einem Spiel erreicht der Anstieg der Gewalt seinen Höhepunkt.

Alkohol und der Zeitpunkt der Spiele spielen dabei eine zentrale Rolle. Nach Spielen, die vor 18:30 Uhr am Nachmittag beginnen, ist der Anstieg der Gewalt besonders stark, während Spiele am späten Abend diesen Effekt nicht auslösen. Die meisten Täter stehen während der Gewalt unter Alkoholeinfluss. Der Anstieg der Gewalt ist also weniger eine kurzfristige emotionale Reaktion auf ein gewonnenes oder verlorenes Spiel, sondern tritt über einen längeren Zeitraum auf, wenn der Täter Alkohol konsumiert hat.

Dennoch darf man den Anstieg der Gewalt nicht vollständig dem Fußball oder einem laufenden Turnier zuschreiben. Gewalt kann nur dort ausgeübt werden, wo strukturelle Ungleichheiten bereits vorhanden sind.

Ob in Deutschland nach der gestrigen Niederlage wieder mehr Frauen Gewalt von ihren Partnern erfahren mussten, ist unklar. Wenn man sich an der Studie der LSE orientiert, kann man allerdings fast froh sein, dass das Spiel erst um 22 Uhr angepfiffen wurde. Vielleicht war die Nachspielzeit dann nicht allzu lang.

Links zu den zitierten Studien:

Kirby, S., Francis, B., & O’Flahery, R. (2014). Can the FIFA world cup football (soccer) tournament be associated with an increase in domestic abuse? Journal of Research in Crime and Delinquency, 51(3), 259276. https://doi.org/10.1177/0022427813494843

https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0022427813494843?casa_token=jYAMDxH2Q8MAAAAA%3A9YJp_3x-qcYGIbl_qILK0Hdev1XwPtFZ-nFNFMrCnk1iEvEv_Bs9XCZPIPyYue-g3vsElmlS1HCRbw

Ivandić, R., Kirchmaier, T., Saeidi, Y., & Torres Blas, N. (2024). Football, alcohol, and domestic abuse. Journal of Public Economics, 230, 105031. https://doi.org/10.1016/j.jpubeco.2023.105031

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S004727272300213X


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