Gedankenexperiment „Stadtbild“ – Über Merz und Assoziationen

von am 18.11.2025

Ein Kommentar

von Anna Fleckenstein

 

Ein Gedankenexperiment: Ich stelle mir vor, in einem Seminar zu kritischem Denken zu sitzen. Heutiges Thema: „Assoziationen“. Die Dozentin wirft verschiedene Begriffe in den Raum: Pizza, Arbeit, Frau. Dann wird es komplizierter: Migration, Menschlichkeit, Misogynie und Populismus. Anlässlich aktueller Begebenheiten folgt zu guter Letzt: Stadtbild.

Wenn ich an ein gutes Stadtbild denke, habe ich ganz bestimmte Assoziationen im Kopf: große Parkanlagen, saubere Straßen, vielseitige Möglichkeiten, um Essen zu gehen oder Kultur zu erleben, Schulen und Kitas für alle Kinder und ohne Mobbing, eine diverse Bevölkerung, Toleranz.

Friedrich Merz (CDU) scheint da aber wohl ein ganz anderes Bild im Kopf zu haben. Nämlich: Migrant:innen, die für ihn ein Problem im Bild der Stadt darstellen. Bei dem Versuch, diesem Gedankengang zu folgen, springen mir gleich mehrere Fragen in den Kopf: An welches Gesicht dachte Herr Merz bei dieser Aussage? Etwa an eine Frau mit Kopftuch oder einen Flüchtling aus der Ukraine? Welches Gesicht stellt für ihn ein Problem dar und welches nicht? Die Fragen kann ich nicht beantworten, schließlich kann ich dem Kanzler nicht in den Kopf schauen. Was ich aber sagen kann, ist, dass Aussagen wie die des Kanzlers spalten. Sie trennen in „wir“ und „sie“ und wer im Geschichtsunterricht mit wenigstens einem Ohr zugehört hat, der weiß, was für gravierende Folgen dieses Narrativ nach sich zieht.

Während meine Mitstudierenden weiter über verschiedene Assoziationen diskutieren, drehen sich meine Gedanken im Kreis und ich muss wieder an den Begriff „Populismus“ denken. Ich frage mich, warum ich die „Stadtbild“-Aussage mit dem Begriff „Populismus“ assoziiere. Vielleicht, weil Merz damit Vorurteile und Ängste schürt oder weil er eine augenscheinlich einfache Lösung für komplizierte Probleme bietet – nämlich „Rückführungen“. Vielleicht auch, weil der Bundeskanzler mit seinen Worten Menschen herabwürdigt und somit den Grundwerten widerspricht, auf welchen unsere Demokratie basiert.

Das Seminar geht weiter und es kommen Merz‘ Worte „Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte“, auf. Sie waren Antwort auf die Frage eines Journalisten bei einer Pressekonferenz am 20. Oktober, ob er sich für seine „Stadtbild“-Äußerung entschuldigen müsse und was er damit gemeint habe. Da komme ich dann gar nicht mehr mit. Ich frage mich, ob es daran liegt, dass ich noch keine Tochter habe. Trotzdem – das kann ja bestimmt nicht der Grund sein, ich bin ja schließlich selbst Tochter. Und als Ebensolche weiß ich eben nicht, was er damit gemeint hat. Die Aussage ist für mich keine Antwort auf die Frage, sondern scheint daher geworfen zu sein. Ich wundere mich, warum Merz Migrant:innen und Menschen mit Migrationshintergrund mit Töchtern assoziiert. Trotzdem kann ich mir leider denken, was er impliziert: Migrant:innen machen Frauen Angst, stellen eine Gefahr für sie dar. Eine Assoziation die nicht nur unlogisch und verworren, sondern auch überheblich erscheint. Denn: Woher weiß Merz, was wir Töchter, wir Frauen, denken? Ich erinnere mich nicht, jemals mit dem Bundeskanzler gesprochen zu haben. Gut, ich bin auch nur eine von vielen Frauen und vielleicht hat er ja auch einen besseren Blick auf das Stimmungsbild der weiblichen Bevölkerung in Deutschland. Den Anschein erweckt er jedoch nicht, wenn man die aktuellen Demonstrationen bedenkt oder den Fakt, dass Merz 1997 gegen einen Gesetzesentwurf stimmte, der die Vergewaltigung in der Ehe ins Strafgesetzbuch aufnehmen sollte. Mir scheint eher, der Kanzler hat nicht ganz verstanden, was der eigentliche Auslöser für die Angst von Frauen ist – nämlich Misogynie und patriarchale Strukturen. Sie führen unter anderem dazu, dass die Gesellschaft Gewalt an Frauen als Alltäglichkeit hinnimmt, Täter:innen gar ungestraft bleiben und Opfer beschuldigt, nicht geschützt, werden.

Auch die nachgeschobene Konkretisierung des Bundeskanzlers, für ihn seien Migrant:innen ohne Arbeit und dauerhaftem Aufenthaltsrecht, die sich nicht an Regeln halten, das Problem, wirkt wie ein Feigenblatt: unaufrichtig und mit dem Zweck, ohne Entschuldigung der öffentlichen Kritik zu entgehen. Seine Erklärung kommt reichlich spät und er verallgemeinert und verurteilt immer noch. Für ihn scheinen die Menschen das Problem zu sein und nicht die Hintergründe wie Armut, Traumata oder Perspektivlosigkeit.

Meine Gedanken werden vom Ende der Seminarsitzung unterbrochen. Während dem Einräumen meiner Tasche habe ich das Gefühl, mit seiner Aussage hat der Kanzler mehr über sich selbst verraten als über irgendetwas anderes. Mir schwirrt nun eine andere Assoziation durch den Kopf: Eine, in der das Wort „Merz“ und „Empathielosigkeit“ nicht unweit voneinander liegen.


Kommentare

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.


Campus Crew

Jetzt läuft
TITLE
ARTIST