TikTok Tech
von CampusCrew Redaktion am 08.07.2026
Albumreview: Brutalismus 3000 – Harmony
Dass ein Berliner Techno-Act wie Brutalismus 3000 nach riesigen Konzerten in den USA und einem Coachella-Auftritt dem Vorwurf des Ausverkaufs ausgesetzt ist, dürfte niemanden überraschen. Mit ihrem neuen Album Harmony unternimmt das Duo bestehend aus Theo Zeitner (Musik) und Victoria Vassilki Daldas („Gesang“) aber nichts, um den Kritikern den Mund zu stopfen. Heißt nicht, dass am Sound alles schlecht ist.
Von Leo Greinwald
Amerika brauchte dringend einen neuen Technogott. In den dunklen Ecken Detroits leistete man zwar schon in den 80ern und 90ern elektromusikalische Pionierarbeit – aber wer aus der Generation TikTok erinnert sich heute noch an Night Drive von Model 500? Doch dann betrat Brutalismus 3000 die Coachella–Bühne 2024 – und den Besuchern fielen vor Begeisterung die 80-Dollar-Trüffeltacos aus den offenen Mündern. Das amerikanische Publikum wollte mehr. Mehr vom knochenharten GabberTheo Zeitners, mehr von Victoria Vassilki Daldas‘ schreienden, deutsch-englisch-slowakischen Vocals. Genau für diese Hörer, die das Berliner Techno-Duo seit deren US-Tour wie Götter verehren, entstand die neue Platte Harmony.
Zum Glück krempelt Brutalismus 3000 ihre Musik nicht vollständig für die neuen Fans um. Im Gegenteil, Harmony bietet wie seine Vorgänger schnellen, handwerklich gut gemachten Schranz. Die dunklen, satanischen Töne von früheren Brutalismus 3000-EPs wie Liebe in Zeiten der Kola sind allerdings stark zurückgenommen. Stattdessen dominieren schrille, sirrende Synthesizer, immer wieder durchbrochen von kurzen E-Gitarren-Eruptionen wie im Opener No Friends In The Company. Die teuflische Symbolik früherer B3K-Werke ist wohl zu krass für Amerika, stattdessen setzt Theo Zeitner mehr auf Punk- und Metaleinflüsse. Über den krachenden Beats kreischt Victoria Vassilki Daldas etwas cleaner als früher und dieses Mal ausschließlich auf Englisch. Deutsch und Slowakisch sind aus den Texten verbannt worden, die US-Fans sollen die oft tiefgründigen, politischen Texte ja irgendwie verstehen.
Ein Trend, den man bei Brutalismus 3000 seit ihrem 2023er Album Ultrakunst beobachten kann, setzt sich beim neuen Album fort: Die Songs werden immer mehr und kürzer. Auf Harmony sind es ganze 13, im Schnitt nur 2,7 Minuten lang. Der Track Morning Is For The Happy (Feature: Anya Taylor-Joy!) ist mit 1:17 Minuten perfekt geeignet, um daraus ein nerviges TikTok-Edit zu bauen. Die Clubtauglichkeit, das sukzessive Sich-In-Der-Musik-verlieren wird geopfert, stattdessen hat B3K ihren Stil für die Festivalbühne gezähmt. Aber genug geschimpft, unter den Songschnipseln finden sich auch Leckerbissen. So ist die Synth-Leadmelodie am Anfang von Mother Bug unglaublich catchyund dann wäre da noch das schlichtweg großartige Friends At The Pigshed. Für den Song haben sich Brutalismus 3000 mit den Genregrößen Underworld zusammengetan, die mit ihrer 1995er Hymne Born Slippy .NUXX zu Weltruhm verhalf. Für Harmony wird das 90er-Rezept (hämmernde Kick, sakraler Synth, Karl Hyde’s trunkene, fragmentierte Lyrics) auf knapp vier Minuten zusammengestaucht, B3K treten wohl aus Ehrfurcht vor ihren Musikerkollegen in den Hintergrund. Ein pädagogisch wertvolles Stück – so lernen auch Coachella-Besucher noch was über die goldene Ära des Raves, die 90er.
Mit dem Underworld-Feature beweisen Brutalismus 3000, dass auch sie mittlerweile zu den ganz Großen der elektronischen Tanzmusik gehören. Und natürlich wäre es falsch, den durchschlagenden Erfolg des Duos als puren Kommerz zu verkennen und den Untergang des Techno-Abendlandes heraufzubeschwören. Aber unter den grellen Melodien, dem Geschrei, den Hyperpop- und Punkeinflüssen ist Harmony ein steriles Werk geworden, eine Reservierungsanfrage für das nächste große Festival. Die TikTok-Edit-Bastler werden es lieben. Die 80-Dollar-Trüffeltacos warten schon. Aber das nächste Album von Brutalismus 3000 würde wahrscheinlich besser, wenn sie den Coachella-Slot ablehnten und stattdessen auf Clubtour durch Europa gingen.
Bewertung: 2.9/5
Tracklist:
Spotify:
https://open.spotify.com/intl-de/album/51EmZvgBe2KU6858cvotYi?si=v7cPiY1wQHqPZmqiQbrZuQ