Schmyt – Universum Regelt (Review)

von am 25.06.2022

Sich im Auto von Welt- und Herzschmerz Musik mitreißen lassen und darin verlieren? Das schafft Schmyt mit seinem Debütalbum Universum regelt: Eingängige Texte, universelle Emotionen und atmosphärische Beats schaffen melancholische Stimmung, die den Puls der (heutigen) Generation schlägt.

Eine Plattenkritik von Lena und Anna

 

Der frühere Sänger der Berliner HipHop-Electro-Rock-Band Rakede, bürgerlich Julian Schmit, ist längst kein Geheimtipp der deutschen Indie-Rap-Pop Szene mehr. Er hat innerhalb von zwei Jahren einen Hype generiert, dem er sich vielleicht ein wenig zu sehr hingibt. In 14 Songs malt der Sänger ein Bild aus Liebeskummer, Angst und insgesamter Weltuntergangsstimmung, welches man sich je nach Track mal mehr und mal weniger in die Wohnung hängen möchte.

 

Nische im Musikgenre

Schmyts Musik lässt alle glauben, eine Nische in Sachen Musikgenre entdeckt zu haben, die es so noch nicht gibt. Bei genauerem Hinhören fällt jedoch auf, dass viele seiner Songs doch einen sehr radiotauglichen Sound vertreten, der eine breite Masse zur Zielgruppe hat. Während die meisten Songs mit einer einfachen Gitarre und eingängigen Bass-Linie auskommen würden, sind Julian Schmits Songs alle eher ausproduziert, nach dem Motto: Mehr hilft mehr.

Genau das macht den Sänger jedoch aus: Eingängige Musik, metaphorische Texte und aktuelle Themen machen es den Hörer:innen leicht, sich mit den einzelnen Tracks zu identifizieren. Die Welt ist irgendwie scheiße, Liebe sowieso und ansonsten ists grad auch eher kompliziert. Die Art und Weise, wie er diese Gefühle aufs Papier bringt, lässt sich nicht in Schubladen oder Gesellschaftsschichten stecken. Schmyt bedient sich an den verschiedensten Genres und schreibt dabei in erster Linie Musik für alle.

 

Russland, Hurensohn und toxische Männlichkeit

Und eben genau durch diese Art zu schreiben werden auch problematische Lines so verpackt, dass sie erstmal nicht auffallen und regelrecht wunderschön klingen. Die Veröffentlichung der Zeile „Sie passt in meine Arme/ Doch ihr Herz ist groß wie Russland“ aus “Alles anders (weniger im Arsch)” mit dem Feature Partner Cro ist unpassend und nicht gerade mit Bedacht gewählt, wenn man bedenkt, dass der Song am 04. März 2022 released wurde, nur knapp eine Woche, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine.

Auch die Zeile “Ich mach mich nicht zum Hurensohn für dich” aus dem Titelsong “Universum regelt” lässt sich gespalten betrachten.

Weiter wünscht sich der Rapper in “Ich wünschte du wärst verloren”, dass sein “Objekt der Begierde” schwach ist, damit er dieses nicht verliert. Das erinnert ein bisschen an toxic masculinity, wie er da besingt, dass er sein Gegenüber nicht halten kann, außer es wäre schwach oder verloren, um es zu retten.

Der gebürtige Viersener trifft damit nur leider auch das falsche Gehör. Sollte er mit seiner Wortwahl nicht eher junge Erwachsene sensibilisieren, als sie in alten Mustern zu verstricken? Weshalb ist es für einen Mann immer noch die größtmögliche Beleidigung, die Mutter eines anderen zu degradieren? Hier kann man eindeutig mehr verlangen, gerade weil er für seine lyrischen Lines bekannt ist und geschätzt wird.

 

Von Rap, Pop, Indie, Rock, Elektro und RnB – alles dabei

Abgesehen von manchen seiner Lines arbeitet Schmyt auf sehr hohem Niveau. Durch seine vielen verschiedenen Feature Partner aus allerlei Genres, gelingt es ihm eine Vielzahl an Themen zu bearbeiten und sie in unterschiedlichen Musikrichtungen gut zu vermitteln.

So findet sich bereits im Titelsong “Universum regelt” sowie “Tangobounce Freestyle” ein starker Partner der neuen Rap-Pop-Szene MAJAN wieder, der dem Song das gewisse etwas verleiht.

Neben einer Rap/Pop/Indie Legende wie Cro, der den Deutschen Pop vorangebracht hat, eine gute Figur zu machen, stellt für Schmyt auch keine große Herausforderung dar. Mit melodischen Beats, die Ohrwurm Potential haben, holen die beiden hier eindeutig ab.

 

Feature mit Cro, Majan, OG Keemo

Und auch alle die, die nach Hardcore Rap Ausschau halten, werden auf Universum regelt fündig. Das Feature mit OG Keemo im letzten Track des Albums (“Mach kaputt”) versprüht Deutsch-Rap deluxe und sticht damit deutlich aus dem Album hervor. Denn durch OG Keemos raue Stimme, dem harten Bass im Hintergrund und der Abschiedsstimmung in den Lines verleihen die beiden hier ein einmaliges Gänsehaut-Gefühl.

“Ich lasse los” als letzte Zeile zu verwenden, ist die wohl lyrisch beste Entscheidung, die im Track und für das ganze Album getroffen wurde. Sie kann vertretend für die gesamte LP stehen. Mit dieser Zeile beschreibt Schmyt, wie er die Kontrolle abgibt, denn das Universum regelt. Besonders durch die Art wie OG Keemo diese Zeile rappt und Schmyt sie durch seinen Gesang vollendet, bleibt den HörerInnen beim verlassen des Albums ein Stück Wehmut im Ohr.

 

Schmyt: Beeindruckend, aber nicht fehlerfrei

Es scheint ein Talent Schmyts zu sein, viele verschiedene Themen in einem Album unter einen Hut zu bekommen und damit Menschen in allen Lebenslagen anzusprechen. Doch genau das wird ihm auch zum Verhängnis.

Die Art und Weise, wie er Schreib-Stil, Gesang und Musik verbindet, ist beeindruckend, doch nicht fehlerfrei.

So lassen sich im Album Themen zu seiner Autobiografie, Weltschmerz, die Liebe zu verlieren und nicht halten zu können, Angst und Selbstzweifel wieder finden. Er wirkt damit stark bemüht jede:n anzusprechen. Doch trotz allem denkt man sich dabei häufig “da geht noch mehr”, “das geht noch genauer”, “warum wird das Thema nur angerissen und nicht ganz ausgeführt?”.

 

Nationalsozialisten und Klimakrise

Beispielhaft dafür sind die Thematiken der Nationalsozialisten sowie der kurz angerissenen Klimakrise die im Lied “Bumms” angesprochen werden. Hier bekommt man das Gefühl er schreibt die Zeilen “Noch zwei Prozent und dann regier’n hier wieder Nazis” und “Klimakrise, Papa glaubt nicht an das Ausmaß” lediglich, um auch etwas gesellschaftskritisches im Text integriert zu haben. Es fehlt hier eindeutig an Tiefgang und Ernsthaftigkeit um auf Themen wie diese einzugehen und deren Wichtigkeit wirklich deutlich zu machen.

Häufig finden sich auch Zeilen wie “Komm, wir trinken ohne Grund, ja/ Im Schrank von dei’m Papa ist noch Rum, ja” über Alkohol, Partys und Autos, die sich in den Charts bereits ein lauschiges Plätzchen gesucht haben, doch keinerlei Wiedererkennung und Besonderheit in sich tragen.

 

Autotune in der Komfortzone

Leider finden sich passend dazu auch immer häufiger Autotune und monotone Melodien in der musikalischen Untermalung wieder, welche irgendwie zu sehr nach Mainstream klingen und einen Teil der Besonderheit des Albums zu Nichte machen. Es wirkt als wolle er bloß nicht aus der Komfortzone, die er sich in 14 Songs aufgebaut hat, ausbrechen, was dazu führt, dass vieles sehr ähnlich klingt.

 

Einzelne Tracks haben Banger-Potential!

Einzelne Tracks haben durchaus Banger Potenzial. Vielleicht sollte Schmyt sich deshalb für kommende Alben die Devise, “weniger Themen, mehr Tiefe” zu Herzen nehmen und vom Motto “viel hilft viel” ein wenig Abstand nehmen. Wir sind uns sicher, dass es dann jeder Track in eine unserer Hit-Playlists schaffen kann.

 

Lyrik liegt ihm

Lyrik liegt Schmyt, dass muss man dem Sänger auf jeden Fall lassen: Wie bereits mehrmals angesprochen schafft kaum ein:e Musiker:in so gut wie Schmyt, das geschriebene wie ein:e Poet:in zu besingen. Zeile für Zeile malt er ein wahres Kunstwerk aufs Papier. Durch die vielen metaphorischen Lines, steckt so viel mehr dahinter als nur ein gut getextetes Lied.

Nur als Beispiel: Schmyt sucht sich das Feuer als Metapher aus und baut diese nahezu in jeden Track ein. “Mische Benzin in meine Coke und hoff, dass es brennt”, “Ich bin cool bis zum Erfrier’n/ Doch mit dir geh’ ich in Flammen auf”, “Aschewolken und Lava, wo bist du?”, “Ja guck mich an, guck mich an/Zähne Weißgold; halte Streichholz und  Benzin in der Hand”.

Trag’ ein’ Hoodie so schwarz, löscht jedes Licht/ Ich tret’ auf die Straße, die Sonne erlischt, ja

Auch Licht insgesamt und vor allem die Sonne spielen in jedem einzelnen Song somit irgendwie eine Rolle, immer als Vergleich zu etwas.

 

Parallelen zu Casper XOXO

Wer richtig in das Album eintaucht, kann allerdings sofort Parallelen zu Casper und seinem Album “XOXO” aus dem Jahr 2012 finden. “Vielleicht ist fliegen nur fallen von Flügelschlag zu Flügelschlag”, “Kann sie nicht mehr sehen, optimierte Gesichter/ Trägst du da Goldkette oder ist das ein Strick?” oder “Ein blutender Mond/ Sie hat dunkle Visionen” – niemand kann uns erzählen, diese Lines nicht in Caspers rauer Stimme zu hören.

Seine Emotionen so rüber zu bringen, dass man sie nicht nur versteht sondern regelrecht fühlen kann und sie das Bedürfnis vermitteln, laut mit zu singen, ist heutzutage viel Wert, denn man muss es schaffen Hörer:innen bei den Gefühlen zu packen. Das schafft Schmyt ganz einfach, indem er ein insgesamt in sich geschlossenes Album veröffentlicht, auf welchem er zumindest textlich immer wieder andere Songs aufgreift und Track für Track eine Geschichte erzählt, vermutlich sogar seine eigene.

 

„Ich liebe Geschichten, ich liebe Musik und Kunst“

Das lässt sich im Album deutlich erkennen. Fast jede Line übertrifft poetisch die vorherige, jeder Song erzählt eine Geschichte über seelischen Schmerz, verlorene Liebe und unendliches Begehren: Schmyt funktioniert auf alle Fälle auch in Albumlänge. Zurecht hat der Künstler es mit seiner ausdrucksstarken Stimme und Musik schnell weit nach oben geschafft. “Leider bin ich zu neugierig als dass ich ein Leben mit einem musikalischen Stempel verbringen kann”, sagt Julian Schmit in einem Interview und auch das würden wir genau so unterschreiben. Textlich stark, musikalisch wertvoll. Eine LP die vor allem Genretechnisch viel zu bieten hat.

Manchmal würde jedoch weniger reichen, Schmyt braucht nicht viel um seinen Storys Ausdruck zu verleihen. Weniger Autotune und Trap, dafür noch viel mehr atmosphärische Beats und himmlische Lyrik, bitte!


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